Kurzmitteilung

Warum ich bei Tinder bin

„Warum bist du bei Tinder? Geh doch lieber raus und lern im echten Leben jemanden kennen.“ Das ist die klassische Reaktion, wenn jemand von meinen Tinder-Aktivitäten erfährt. Irgendwie hat das gesamte Online-Dating bei sehr vielen Menschen immernoch einen unfassbar schlechten Ruf. Tinder tauge nur für schnellen bedeutungslosen Sex, es wäre die reinste Resterampe mit Menschen, die praktisch nicht vermittelbar sind, und überhaupt melden sich da nur Leute an, die sehr sehr verzweifelt sind. Erstaunlicherweise kommen diese Einschätzungen meist von denjenigen, die selbst noch nie bei Tinder waren, oft sogar diejenigen, die seit Ewigkeiten vergeben sind und deren letzter Single-Moment noch vor dem Abi war. Diesen Ruf kann ich seit ich das Ganze selbst nutze, in keinster Weise nachvollziehen. Ich glaube eigentlich, dass Tinder dem Kennenlernen im „echten Leben“ sogar einiges voraus hat. Auch ein Klassiker unter den schlauen Sprüchen: „Geh doch einfach in den Supermarkt und sprich da jemanden an.“ Witzigerweise war es genau ein solches Erlebnis, das mich letztendlich zu Tinder gebracht hat.Nach dem Bezahlen wollte ich den Supermarkt gerade verlassen, als mich jemand aus heiterem Himmel ansprach. Im ersten Moment dachte ich, er würde nach der Uhrzeit oder einem Euro-Stück für den Einkaufswagen fragen. Aber weit gefehlt: „Ich wollte fragen, ob du vielleicht mal mit mir essen gehen würdest.“ Einfach so – aus dem Nichts. Ohne, dass wir vorher Augenkontakt gehabt hätten oder ähnliches. Ich war dermaßen perplex, dass ich sofort dankend abgelehnt habe ohne mir den armen Kerl auch nur mal wirklich anzusehen. Die Erkenntnis aus dieser Begegnung: Das mit diesem echten Leben funktioniert bei mir einfach nicht. Die Konsequenz: Noch am selben Abend Tinder heruntergeladen.

„Was suchst du denn eigentlich bei Tinder?“ Ist eine Frage, die wohl in vielen Tinder-Chats fällt. Deswegen kurz ein paar Worte dazu: Ich persönlich glaube, es ist äußerst schwierig an Tinder mit ganz konkreten Vorstellungen ranzugehen. Und das vermutlich in beide Richtungen: Wer definitiv nur auf Beziehungen aus ist, wird vermutlich auf die Schnauze fallen, aber wer denkt, es ginge prinzipiell immer nur um den ganz schnellen und unkomplizierten Sex, der wird womöglich auch nicht so leicht fündig wie erhofft. Deswegen denke ich, dass man für eine App wie Tinder eine gewisse Offenheit mitbringen sollte. Damit meine ich nichts in Richtung „Ich bin für alles offen und lasse alles mit mir machen“. Aber wenn man im echten Leben einen Menschen das erste Mal trifft, dann ist man ja eigentlich auch nicht gleich strikt festgelegt, wo das hinführen soll – in eine Beziehung, Freundschaft, Sex oder nichts von alledem. Man lernt sich kennen und entscheidet nach einer gewissen Zeit, was passt und was nicht. Denn was passt, das kommt doch vor allem auf den jeweiligen Menschen an und lässt sich nicht so pauschalisieren. Außerdem glaube ich, wer allzu konkrete Erwartungen und Vorstellungen hat, der kann eigentlich nur enttäuscht werden. Denn das Leben (nicht nur bei Tinder) ist nunmal kein Wunschkonzert. Und eine Erwartungshaltung á la „Ich lad mir jetzt Tinder runter und morgen treff ich dann die große Liebe.“ kann eigentlich nur enttäuscht werden. Denn so einfach ist es eben nicht – weder bei Tinder noch im echten Leben.

Schwierig an der Frage finde ich auch, dass man sich damit so festlegt. Wenn ich jetzt vorher jemandem schreibe, dass ich eine Beziehung suche und später funkt es nicht so richtig, die körperliche Anziehung ist aber dennoch da – darf ich dann nichts mit ihm anfangen? Oder wird er das dann nicht immer gleich fehlinterpretieren? Deswegen versuche ich meine Antwort auf diese Frage auch immer möglichst vage zu halten. Ich selber frage übrigens nie jemanden, was er bei Tinder sucht oder was er sich erhofft oder so. Das will ich mir auch nicht vorwegnehmen. Wenn jemand wirklich bloß und ausschließlich auf der Suche nach schnellem Sex ist, merkt man das ja sowieso ziemlich schnell. Alles andere reicht definitiv nach dem persönlichen Kennenlernen zu erfahren.
Und bis jetzt funktioniert meine Herangehensweise eigentlich ziemlich gut. Daraus haben sich inzwischen viele tolle Abende mit interessanten Menschen ergeben, einige Affären, eine Freundschaft, ein paar One Night Stands und vielleicht auch irgendwann ein überragend toller Mensch. Und wenn nicht, dann hatte ich zumindest eine ganze Menge Spaß mit Tinder.
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